
„Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch davon nichts“: Hanns Eislers berühmte Worte sind weit mehr als nur ein dialektisch brillantes Bonmot, sie enthalten auch die Aufforderung an alle Musiker:innen, sich mit ihrer Kunst in den Dienst der Menschheit zu stellen. Igor Levit muss man das nicht zweimal sagen. Mit klarer Haltung und aufmerksamem Blick auf die Entwicklungen unserer Zeit gehört der Spitzenpianist zu jenen großen Künstlerpersönlichkeiten, deren Worte auch außerhalb der Musik Gewicht haben. Leidenschaft, Offenheit und Empathie zeigt er nicht nur im Umgang mit den Herausforderungen seines immensen Repertoires, sondern auch im Einsatz für den gesellschaftlichen Dialog und den Kampf gegen Hass und Diskriminierung.
Unvergessen etwa seine 53 Hauskonzerte, mit denen es ihm während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt gelang, Menschen in einer zutiefst verunsichernden Situation zusammenrücken zu lassen. Bewundernswert sein Mut, mit dem er sich allen Anfeindungen, allen Bedrohungen zum Trotz gegen die zerstörerischen Kräfte positioniert, die unser Land derzeit aus allen nur denkbaren extremistischen Richtungen unter Beschuss nehmen.
Allein diese Zivilcourage wäre Grund genug, Igor Levit mit einem Preis auszuzeichnen, der schon immer mehr war als die bloße Würdigung musikalischer Exzellenz. Doch kommt im Fall des Duisburger Musikpreises noch ein weiterer Aspekt hinzu: Die tiefe persönliche Verbindung der Auszeichnung mit einer Region, deren Werte und Besonderheiten maßgeblichen Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung des Preises haben. Denn seine ersten Schritte in Deutschland, dem Land, in dem er seit Kindheitstagen zu Hause ist, machte Igor Levit keine 60 Kilometer von Duisburg entfernt in einer anderen Metropole des Ruhrgebiets: in Dortmund.
Dorthin war, in politisch unsicheren Zeiten, die Familie Levit 1995 als jüdische Kontingentflüchtlinge aus Nischni-Nowgorod gekommen. Damals acht Jahre alt, denkt der Pianist noch heute gern an die Menschen, denen er im „Pott“ begegnete und die ihm von Anfang an den Eindruck einer offenen und lebenswerten Gesellschaft vermittelten. Was er an der Region schätzt, ist „das Bodenständige, das Verbindende, zwischenmenschliche Werte, die sehr direkte Kommunikation, aber auch den Humor und die Buntheit“. Anzunehmen, dass diese „ziemlich einzigartige Mischung“, dieses Aufeinandertreffen und Tolerieren unterschiedlichster Menschen mit unterschiedlichsten Lebensweisen und kulturellen Hintergründen dem jungen Ausnahmetalent dabei half, „nicht nur etwas von Musik zu verstehen“, sondern zugleich auch seinen Blick auf die Welt zu weiten.
Die Preisverleihung fand am 30. September 2026 in der Philharmonie Mercatorhalle statt.





